Einleitung: Drei Wege zum Immobilienwert
Die Immobilienbewertung ist keine Mathematikübung, sondern eine Kunst aus Marktkenntnis, Datenanalyse und Erfahrung. Jedes Bewertungsverfahren folgt eigenen Regeln und Zielen. Während das Vergleichswertverfahren den tatsächlichen Marktpreis spiegelt, richtet sich das Ertragswertverfahren nach der Rendite eines Objekts. Das Sachwertverfahren wiederum stellt auf die Herstellungskosten ab und dient als Anker, wenn Marktvergleiche fehlen.
Ob Eigenheim, Mehrfamilienhaus oder Gewerbefläche – der Gutachter entscheidet nach Nutzungsart, Datenlage und Bewertungszweck, welches Verfahren angewendet wird. In der Praxis werden die Ansätze oft kombiniert, um ein realistisches und nachvollziehbares Ergebnis zu erzielen.
1. Vergleichswertverfahren – Orientierung am Markt
Beim Vergleichswertverfahren wird der Immobilienwert aus real erzielten Verkaufspreisen ähnlicher Objekte abgeleitet. Es ist damit das marktnächste Verfahren und die Standardmethode für Eigentumswohnungen, Einfamilienhäuser und Baugrundstücke. Grundlage sind Vergleichsfälle aus der Kaufpreissammlung der Gutachterausschüsse.
Vorteile
- Direkte Marktanbindung, realistische Werteinschätzung
- Für Wohnhäuser und Wohnungen besonders geeignet
- Vermeidet theoretische Berechnungen
Grenzen
- Nur bei ausreichender Zahl vergleichbarer Verkäufe sinnvoll
- Seltene Objekte (Villen, Spezialimmobilien) schwer einzuordnen
- Marktschwankungen können kurzfristig starke Ausschläge erzeugen
2. Ertragswertverfahren – Immobilien als Kapitalanlage
Das Ertragswertverfahren ist das Werkzeug der Investoren. Es bewertet die Wirtschaftlichkeit einer Immobilie auf Basis der künftig erzielbaren Erträge. Besonders bei Miet- und Gewerbeobjekten ist diese Methode Standard. Entscheidend sind nachhaltig erzielbare Mieten, Bewirtschaftungskosten und der Liegenschaftszinssatz.
- Berechnung der Jahresnettomiete (nach Abzug der nicht umlagefähigen Kosten)
- Abzug der Bewirtschaftungskosten → Reinertrag
- Kapitalisierung des Reinertrags mit dem Liegenschaftszinssatz
- Addition des Bodenwerts ergibt den Ertragswert
| Parameter | Bedeutung | Einfluss |
|---|---|---|
| Jahresnettomiete | Tatsächlich erzielbare Miete nach Kosten | Steigt der Ertrag, steigt der Wert |
| Liegenschaftszins | Marktzins für vergleichbare Objekte | Niedriger Zins = höherer Wert |
| Bewirtschaftungskosten | Instandhaltung, Verwaltung, Leerstand | Hohe Kosten mindern den Ertragswert |
3. Sachwertverfahren – der Substanzwert im Fokus
Das Sachwertverfahren kommt zum Einsatz, wenn Vergleichsfälle oder Mieten fehlen – etwa bei Einfamilienhäusern in ländlichen Lagen oder Sonderbauten wie Arztpraxen. Es misst den Wiederbeschaffungswert: Wie teuer wäre es, das Gebäude heute neu zu errichten? Vom Neubauwert werden Altersminderungen und Abnutzung abgezogen, dazu kommt der Bodenwert.
- Ermittlung des Gebäudenormalherstellungswerts
- Abschreibung (Alterswertminderung) gemäß Restnutzungsdauer
- Addition mit aktuellem Bodenwert
- Anpassung durch Marktanpassungsfaktor
4. Direkter Vergleich der Verfahren
Jedes Verfahren hat Stärken und Grenzen. Ein realistisches Gutachten kombiniert mehrere Ansätze, um Abweichungen auszugleichen. So lässt sich prüfen, ob der Substanzwert (Sachwert) und der Marktwert (Vergleichs- oder Ertragswert) plausibel übereinstimmen.
| Verfahren | Geeignet für | Bewertungsziel | Hauptvorteil |
|---|---|---|---|
| Vergleichswert | Wohnhäuser, Eigentumswohnungen | Marktnah, realer Verkaufspreis | Direkte Käuferorientierung |
| Ertragswert | Mietobjekte, Gewerbe | Kapitalisierung von Erträgen | Investorenlogik |
| Sachwert | Individuelle Bauten | Substanzwert, Wiederbeschaffung | Objektiv auch ohne Markt |
5. Welches Verfahren ist das richtige?
Hier zählt der Marktpreis. Das Vergleichswertverfahren zeigt, was Käufer aktuell zahlen. Ideal für Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen.
Bei Renditeimmobilien führt kein Weg am Ertragswert vorbei. Er zeigt, was die Immobilie als Kapitalanlage wert ist – unabhängig vom emotionalen Faktor.
Das Sachwertverfahren ermittelt den Wiederaufbauwert – entscheidend für Schadensregulierung, steuerliche Bewertungen oder seltene Objekte ohne Vergleich.
Fazit: Drei Wege, ein Ziel – den realen Wert
Der Vergleichswert bringt Markttransparenz, der Ertragswert zeigt die Rendite, der Sachwert liefert die Substanzbasis. Zusammen ergeben sie ein vollständiges Bild vom Immobilienwert. Nur wer versteht, wie diese Verfahren greifen, kann Angebote und Gutachten kritisch einordnen. Das schützt vor Überbewertungen und unterfüttert Verhandlungen mit Fakten statt Gefühlen.